Kolumne

Das Dschungelcamp: Jeder guckt es, aber „niemand guckt es“

23. Januar 2019
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Die neue Staffel „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!" fängt an und alle verwandeln sich in Pinocchio. Foto: Nick Wenkel/Pixabay
Vor über einer Woche ging die RTL-Show „Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!", dem nicht-insektenessenden Volksmund auch als das „Dschungelcamp" geläufig, in seine mittlerweile 13. Auflage. Wie kann RTL aber überhaupt so viele Staffeln „Dschungelcamp" produzieren? Guckt doch offensichtlich niemand...

Seit über einem Jahrzehnt müssen nun schon Promis, dem nicht-fernsehguckenden Volksmund auch als „nach Aufmerksamkeit heischende Leute, die vor 30 Jahren mal Dritter bei der Hitparade wurden und nicht schnallen, dass ehrliche Arbeit ihre finanziellen Probleme lösen würde“ geläufig, im australischen Dschungel an die Grenzen ihrer physischen und psychischen Fähigkeiten gehen. Dass diese oft nicht sonderlich hoch sind, bekommt der Zuschauer jährlich wieder neu auf dem Silbertablett geliefert. Traurig nur, dass die Show offensichtlich niemand guckt. So lautet jedenfalls die gängige Rückmeldung aus der Gesellschaft. Und die ist oft hinterlistiger, als die Schlangen im australischen Dschungel.

Die Einschaltquoten sagen etwas anderes

RTL hat es jährlich Schwarz auf Weiß: Die Einschaltquoten belegen, dass die Show gefragter ist, als die Promis, die sich im Camp befinden. Die vergangene – aus meiner Sicht bis dato langweiligste Staffel – kam im Schnitt immerhin auf über 5,5 Millionen Zuschauer pro Sendung. Mit Hinblick auf den Abwärtstrend des klassischen Fernsehens eine wahre Hausnummer. Umso heuchlerischer, dass es auch im Jahr 2019 noch Leute gibt, die zwar mit ganzer Mühe und ganzem Tatendrang Kommentare wie „Sowas guckt doch keiner“, „würde ich nie angucken“ oder „Jedes Jahr der gleiche Mist, da mach ich nicht mit“ verfassen, aber nie, nie, nie im Leben um 22.15 Uhr zu RTL schalten. Pfui! Wenn das Desiree Nick hören könnte, würde sie den Känguru-Hoden vor Schreck wieder ausspucken.

Der Sadist freut sich

Ich denke, in den bisherigen Zeilen wurde recht deutlich, wie ich zum Thema „Dschungelcamp“ stehe. Ich gucke es natürlich nicht, sowas tu ich mir nicht an, ist ja jedes Jahr der gleiche Mist – kurz gesagt: Ich bin gefühlt länger dabei, als Dr. Bob. Vor allem spricht die Show meine (ganz minimale) sadistische Seite an. Menschen, „Promis“, die so viel Geld verdient haben und sich nun Kröten für ein paar Kröten reinwürgen, nur um sich vor ehrlicher Arbeit zu drücken, sind eigentlich bemitleidenswert. Aber eben auch unfassbar lustig. Keine Sorge: Ich lach natürlich nicht über die Kandidaten – obwohl, eigentlich schon. Neben der ganz banalen Schadenfreude, ist es aber der sozial-experimentelle Charakter von „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“, der mich wie die Millionen anderen jährlich vor den Bildschirm zieht. Die Kandidaten beim Fallenlassen ihrer Maske täglich zu begleiten, ist aus meiner Sicht einfach total interessant zu verfolgen. Nicht ohne Grund wird das Dschungelcamp an vielen Universitäten für psychologische Studien genutzt – kein Spaß. Eine Woche Reis mit Bohnen und urplötzlich herrscht Endzeit-Stimmung im Dschungel. Herrlich!

Leugnen macht einen nicht cool

Umso unerklärlicher ist es für mich, warum es immer noch Leute gibt, die es leugnen, jemals die Show gesehen zu haben. Warum denn? Was ist der tiefgründige Sinn dahinter? Klar, natürlich gibt es Leute, die das „Dschungelcamp“ wahrscheinlich wirklich nie gesehen haben und auch nicht gucken werden. Aber mach ich mir dann die Mühe und lese mir einen Artikel dazu durch und kommentiere ihn dann noch? Niemals. Und wenn doch, ist es eigentlich noch unverständlicher. Will man damit zeigen, wie cool man ist? Ich weiß es nicht. Im Endeffekt ist es doch aber wie der Junge auf dem Schulhof, der dachte seine gefälschten Pokémon-Karten wären cooler, als die echten der anderen Schüler. In Wahrheit war er der Loser.

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