Mahnwache nach Terroranschlag: „Dieser Tag ist eine Schande“

11. Oktober 2019 von
Landrätin Christiana Steinbrügge, der Erinnerer Jürgen Kumlehn und Bürgermeister Pink trauern gemeinsam vor dem jüdischen Denkmal. Anlass für die Mahnwache ist der rechtsextreme Terroranschlag in Halle am vergangenen Mittwoch. Fotos: Marvin König
Wolfenbüttel. Bei einem rechtsextremen Terroranschlag auf eine Synagoge in Halle vergangenen Mittwoch wurden der 20-jährige Kevin S. und die 40-jährige Jana L. auf brutale Weise hingerichtet. Zwei weitere Menschen wurden schwer verletzt. Zu diesem Anlass luden die Landrätin Christiana Steinbrügge, Bürgermeister Thomas Pink und der Erinnerer Jürgen Kumlehn am Freitagnachmittag zu einer Mahnwache vor dem jüdischen Denkmal in Wolfenbüttel ein.

Es waren wohl weit über 100 Menschen, die sich zum gemeinsamen Gedenken am Denkmal eingefunden haben. Vertreter aus Stadt, Kreis und sogar Landespolitik erschienen zahlreich. Auch Dieter Schultz-Seitz, Propst in der Propstei Wolfenbüttel ist es zu verdanken, dass zum Anlass der Mahnwache die Glocken aller Kirchen für etwa zehn Minuten läuteten und um 15 Uhr zum Beginn der Mahnwache verstummten. „Alle Kirchen der Probstei Wolfenbüttel, evangelische und katholische, läuten ihre Glocken in ökumenischer Gemeinschaft“, verkündet der Probst.

Eine Schande für unser Land

Bürgermeister Thomas Pink

Bürgermeister Thomas Pink tritt ans Rednerpult und würdigt zunächst, wie viele Menschen die Ankündigung dieser Gedenkveranstaltung so kurzfristig erreichen konnte. „Es war Hass auf Juden und Kanacken, wie der Täter sagt. Also Hass auf alles, was seinem verqueren rechtsradikalen Weltbild nicht entspricht“, erklärt Pink. „Wie kommt er zu diesem Bild? Und was ging in diesen Stunden in mir vor?“ Scham und Ekel empfinde er bei dem Gedanken, dass so etwas im Land der Nazimörder, des Holocaust nach nur 85 Jahren wieder passieren könne. Der Bürgermeister konstatiert: „Ja, dieser Tag ist ein Tag der Schande für unser Land.“

Dem aufkeimenden Gefühl der Resignation sei jedoch schnell etwas anderes gefolgt. „Trotz, Kampfeslust, und es regte sich bei mir Widerstand. Jetzt erst Recht. So nicht. Und keinen Zentimeter mehr für die Totengräber unserer Demokratie.“ Zum Abschluss seiner Ansprache appelliert der Bürgermeister an die Anwesenden: „Ich fordere Sie auf, Courage und Mut zu zeigen. Benennen wir die selbsternannten Zerstörer unserer Ordnung und stellen wir sie.“ Er fordert auf, Teil einer wehrhaften Demokratie zu werden.

Aufklärung tut Not

Der Erinnerer Jürgen Kumlehn

An zweiter Stelle spricht der „Erinnerer“ Jürgen Kumlehn, der nicht nur wegen seines umfangreichen Archivs zur jüdischen Geschichte bekannt ist, sondern sich auch offen gegen moderne rechtsradikale Tendenzen stellt. Er trägt ein Gedicht von Joachim Esberg vor. Er schrieb das Gedicht „Frühlingsgefühle“ vor seiner Deportation nach Auschwitz: „ich will nicht Toleranz, mein Leben will ich leben, als Mensch den Menschen gleich, ganz wie es mir gegeben“, heißt es dort. Kumlehn fügt einen Satz von Hannah Arendt hinzu: „Wer sicher sein will vor Antisemitismus, der soll zum Mond fliegen.“

Der Erinnerer schlägt nach diesen nachdenklichen Worten einen anderen Ton an: „Auch in unserer Nähe leben Bürgerinnen und Bürger, die sich als Wölfe im Schafspelz hinter Biedermännern verstecken. Manche Aussagen von ihnen enthalten eher brennende Streichhölzer als Worte. Sie gehören der Partei mit dem führenden Neonazi Höcke an. Sie tun aber so, als hätten sie mit dem rein gar nichts zu tun. Aufklärung tut Not.“ Die anwesenden Vertreter der AfD, Dr. Manfred Wolfrum und Klaus-Dieter Heid, blicken bei diesen Zeilen betreten ins Leere. Kumlehn schließt mit einem Zitat von William Vogner: „Das vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.“ Der Erinnerer ruft die Gäste der Mahnwache zu einer Schweigeminute auf. Landrätin Christiana Steinbrügge ergreift das Wort.

Worte wie Klingen

„Im Schweigen sind wir den Menschen aller Nationen und Religionen in Halle verbunden, die unmittelbar Zeugen ihrer Gewalt waren. Insbesondere aber den Opfern und Angehörigen.“ resümiert die Landrätin. „Lassen sie uns teilhaben am Schrecken und der Angst der Bewahrten in der Synagoge.“ Ihre Worte rücken den Schmerz der Betroffenen und Hinterbliebenen in den Vordergrund. „Wir werden durch das, was der Täter ins Netz gestellt hat auch der zerstörerischen Kraft der Sprache gewahr“, erklärt Steinbrügge. „Diese hemmungslos herausgeschriene Wut ist der allerletzte Schritt, bevor das Wort zur Wuttat wird.“ Man dürfe nicht verstummen, sondern müsse sich mutig solcher Rede entgegenstellen und Zeugen einer anderen Wahrheit sein, fordert die Landrätin. „Gegen den Sog der Gewöhnung gegen solche Gräuel ist zu dieser Stunde und an allen Tagen unser vernehmbares Nein zu sprechen. Menschen sind nicht des Menschen Feind.“

Im Anschluss an die Mahnwache bleiben noch viele, versammeln sich um das Denkmal und stimmen das Lied „Hevenu Shalom Alechem“ an, ein weltweit bekanntes israelisches Volkslied. Wer des Hebräischen nicht mächtig ist, stimmt in die deutsche Fassung mit ein: „Frieden für alle Menschen ist nicht nur ein Traum“.

 

 

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