Rückblick: Karl Barth-Symposium 2019

5. September 2019
Foto: Sina Rühland
Braunschweig. Mit einer schwungvollen Kirchensonate von Wolfgang Amadeus Mozart brachte ein Ensemble um ​Claus-Eduard Hecker ​(Landeskirchenmusikdirektor) das Gemeindehaus von St. Katharinen zum Klingen und eröffnete am Abend des 30. August das Braunschweiger Karl Barth-Symposium der Evangelischen Akademie Abt Jerusalem. Werner Busch, Pfarrer an St. Katharinen in Braunschweig, berichtet in einer Pressemitteilung über die Veranstaltung.

Der „Kirchenvater des 20. Jahrhunderts“ schätzte die Musik Mozarts immerhin so sehr, dass er ihr jeden Morgen vor Beginn seiner Schreibtischarbeit mit einer dampfenden Pfeife im Mundwinkel lauschte. Im vollbesetzten Gemeindehaus brachten hingegen die spätsommerliche, saunaähnliche Wärme sowie der mitreißende Einführungsvortrag von Prof. Dr. Christiane Tietz die Köpfe zum Rauchen. Der Systematischen Theologin aus
Zürich gelang es, Karl Barths „theologische Existenz im Widerspruch“ in einem anschaulichen Durchgang durch seinen Denk- und Lebensweg mit gut ausgewählten Haltestellen und Zitaten nachvollziehbar vor Augen zu führen. Ihre jüngst erschienene Biografie über Karl Barth kann man einem breiten Publikum nur empfehlen.

In seinem vorausgehenden Grußwort machte Landesbischof Dr. Christoph Meyns ​bereits deutlich, was aus kirchenleitender Sicht von Karl Barths Theologie für unsere Gegenwart zu erwarten sei. Sie könne helfen, dass die Kirche sich auf ihre Hauptsache konzentriert: Das Evangelium, Gott und den Glauben. Der Abend klang doppelt aus: mit erfrischend mozärtlichen Klängen und – nicht weniger genussvoll – Getränken und Häppchen. Viele der über 70 Teilnehmenden nutzten diese Gelegenheit für Gespräche. Früh am nächsten Morgen um 9.30 Uhr begann ein mit Vorträgen und Diskussionen fast überreich gefüllter Symposiums-Tag. Den Auftakt machte erneut ​Prof. Dr. Christiane Tietz​ mit Barths Reaktion auf die kirchliche Bejahung des Ersten Weltkrieges. Diese tiefe intellektuelle und religiöse Irritation war für den Schweizer Industriedorf-Pfarrer außerordentlich gedankenproduktiv und der Anfang einer beispiellosen theologischen Entwicklung, ja: Karriere. Sie zeichnete den gedanklichen Weg nach, den Barth in dieser entscheidenden Phase seines Lebens beschritt.

Das Glaubensverständnis des Theologen

Pfarrerin Dr. Juliane Schüz​ aus dem Taunus hat sich mit einer Doktorarbeit über Karl Barths Glaubensverständnis qualifiziert. Mit einem Vortrag über das Glaubensverständnis Karl Barths angesichts der
Widerständigkeit Gottes vertiefte sie das von Frau Tietz Eröffnete. Gott steht im wahrsten Sinn des Wortes geradezu​gegen​–ständlich denmenschlichen Vereinnahmungsversuchen entgegen und entzieht
sich entsprechenden – kirchlichen – Domestizierungsversuchen. Die Pfarrerin erkundete schließlich auch die praktischen Seiten, die dieses theologische Denken im Gemeindeleben entfalten kann.

Diese und ähnliche Gedanken Karl Barths nahm zuvor schon ​Prof. Dr. Joachim Ringleben​ auf’s Korn. Die von Karl Barth behauptete Unverfügbarkeit des nur „je und dann“ immer wieder einmal aktuellen Gotteswortes führe doch letztlich nur zu einem „Wort ohne Sprache“ und einem unliterarischen Umgang mit der Bibel. In der Diskussion rückte der Göttinger Lutheraner das Offenbarungs- und Wortverständnis Barths in die Nähe der „Schwärmer“ und plädierte dagegen für ein sprachsensiblesunddie Wörtlichkeit würdigendes Verständnis von Offenbarung Gottes. Welche Art von Bibellektüre und Auslegungskultur ihm vorschwebt, hat er bereits in seinem Jesusbuch eindrucksvoll vorgeführt.

Die letzten 50 Jahre

Die längere Mittagspause nutzten manche dazu, nach der einfachen Mahlzeit die Ausstellung „Gott trifft Mensch“ in der Kirche anzuschauen. Den Nachmittag eröffnete dann ​Dr. Peter Zocher​ mit einem detailreichen und dennoch gut fassbaren Überblick über die letzten 50 Jahre Barth-Forschung. Der Direktor des Karl Barth-Archivs mit Sitz im Wohnhaus des einstigen Professors entfaltete ein breites Spektrum an teils affirmativen, teils polemischen Interpretationswegen, die in diesem Zeitraum beschritten wurden. Mit dem Ende des Kalten Krieges erledigte sich manche Schärfe in der Auseinandersetzung um das wahre Erbe des großen Theologen, dem man zum Beispiel sowohl deutsch-nationale Hitlerfreundlichkeit als auch Kommunismusbegeisterung unterstellt hatte – um nur die unsachlichen, und teilweise dennoch mit akademischen Weihen ausgestatteten Extrempositionen zu erwähnen. Für die hin- und her wogende und auch künftig weitergehende Wirkungsgeschichte von Barths Werk ist Zocher sich sicher, dass mit der begonnenen Digitalisierung der in etwa 15 Jahren zum Abschluss kommenden Edition der Gesamtausgabe künftige Forscher alle wünschenswerten Voraussetzungen haben werden.

Barths Beziehungsleben

Daran schloss sich – für ein theologisches Symposium etwas ungewöhnlich – eine Romanlesung an. ​Prof. Dr. Dr. Klaas Huizing (Würzburg)​, der das theologische als auch das literarische Fach beherrscht, las aus seinem Werk „Zu dritt“. Darin erzählt er – historisch basiert – mit „literarischer Empathie“ die Dreiecksbeziehung zwischen Karl Barth, seiner Frau Nelly und seiner Mitarbeiterin und Geliebten Charlotte von Kirschbaum. In der anschließenden Aussprache erklärte er, dass es ihm vor allem um die psychologische Innenstruktur dieser komplizierten und spannungsreichen Beziehung im Hause Barths gehe. Barth könne menschlicher gesehen werden – weniger monumental entrückt -, seit der Briefwechsel zwischen ihm und seiner Geliebten veröffentlicht worden sei. Obwohl – oder weil? – das nicht alle Zuhörerinnen (und nach eigenen Auskünften Huizings: schon gar nicht einen Teil der Nachfahren Barths) überzeugte, wurde sein Buch auf dem bereitgestellten Büchertisch doch am meisten gekauft.

Barth und Antisemitismus

In einer letzten Kaffeepause schöpfte das inzwischen dezimierte Publikum noch einmal Kraft für die letzten beiden Vorträge. ​Matthias Käser, Diplomtheologe der Universität Bern​, hat eine Studie zu Barths
Judas-Verständnis veröffentlicht und in seinem stringenten Vortrag die Widersprüchlichkeit, beziehungsweise Ambivalenz Barths in diesem Punkt präzise herausgearbeitet. Schon früh hatte Barth zwar den Judenhass im Deutschen Reich unter Hitler strikt abgelehnt und mit dem Bundes-Gedanken einen wichtigen theologischen Fortschritt für die theologische Würdigung des Judentums eingeleitet; dennoch hat er seine kritische Sichtweise nicht auf der Bekenntnissynode in Barmen einzubringen versucht. In seiner Judas-Interpretation würdigte er Judas einerseits auf eine ungewöhnlich positive Weise als Apostel und Christus-Überlieferer, bescheinigte ihm als symbolischem Repräsentanten des Volkes Israels dennoch eine geistliche Zukunftslosigkeit. Käser urteilt, das sei – immerhin im Jahr 1942 geschrieben –, immer noch antisemitisch grundiert, schockierender Zynismus und theologische Häresie.

Der Sinn für das Dramatische

Auch ​Dr. Gerhard Bergner​ (Pfarrerin in Herzberg/Harz) nahm sich im letzten Vortrag einen kleinen Ausschnitt aus dem Riesenwerk von Barths Kirchlicher Dogmatik vor. In seiner Dissertation über Barths Schriftverständnis hat er unter anderem die Passage über Römer 7 bearbeitet. Dieses berühmte Kapitel hat Barth im Rahmen seiner Versöhnungslehre nicht mit (tiefen)psychologischen Kategorien interpretiert, was in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewiss nahegelegen hätte. Vielmehr fand er in diesem Text eine dramatische Situation wieder, die er mit kräftigen erzählerischen Mitteln beschreibt. Dafür verwandte Barth das Bild eines im Käfig gefangenen Menschen, auf den bereits ein Lichtstrahl seiner künftigen Befreiung fällt. In diesem Punkt sah Bergner eine Nähe zur lutherischen Theologie, in der der Christenmensch ebenfalls als immer noch sündig und doch schon gerecht zugleich begriffen wird, ein Mensch im Werden. Bergner schloss seinen Vortrag mit der Forderung, dass in Zukunft eine der wichtigsten Aufgaben christlicher Theologie darin bestehe, „den Sinn für das Dramatische in der je eigenen Rechtfertigungsgeschichte wach zu halten.“ Nicht allein Barths Auslegung von Römer 7, auch sein Lebensweg erinnert daran, dass die individuelle „Geschichte mit Gott sich nicht in einer harmlosen Romanze und noch weniger in einer logisch-systematischen Abhandlung darstellen lässt“.

“Glauben und leben im Widerspruch”

Der fulminante Einspruch, den Karl Barth in einer historisch unübersichtlichen und besonders bedrängenden Zeit eingelegt und entfaltet hat, die Widersprüche und Anfeindungen, die ihm daraufhin begegneten, wie auch die teilweise erheblichen Selbstwidersprüche, in die er sich gedanklich und biografisch verstrickt hat, weisen letztlich auf den Beginn der Kirchlichen Dogmatik zurück. Er begann sein Opus Magnum mit der Klarstellung, dass auch die Theologie – wie alles, was in der Kirche gesagt und getan wird – ein unvollkommenes, vorläufiges menschliches Werk ist. Diese Fehler-Anfälligkeit ist in religiösen, geistlichen Angelegenheiten allerdings eine besonders empfindliche und durchaus folgenreiche Begrenzung. Dieses Werk dennoch mit einer eigenen Stimme und einem eigenen Leben zu wagen und sich auch in diesem besonderen Tun und Verfehlen – zuweilen humor- und genussvoll, ironisch und musikverliebt – selbst relativieren zu können, aber dabei die Wahrheitssuche nicht aufzugeben, ist eine geistliche Tugend, ohne die Theologie und Kirche nicht gut auskommen. Diese Tugend hat ihre Voraussetzung im Evangelium selbst: Auch theologische Existenzen bedürfen für ihr Reden, Tun und Sein einer Bejahung, die sie sich nicht selbst zuschreiben können, die ihnen auch posthum nicht von allen gegönnt wird, die ihnen aber – wie allen Menschen – als Zusage zugemutet ist: „Lass dir an meiner Gnade genügen.“

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